Das neue Tourismusmarketing versucht, mit alpinen Erlebniswelten gegen die Konkurrenz zu punkten
Mit gigantischen Bauprojekten wollen etliche Bergorte ihr Urlaubsgeschäft weiter ankurbeln. Ob Katschberg im österreichischen Kärnten oder Savognin im Schweizer Hochgebirge - immer mehr Ferienorte bringen sich mit spektakulären Bergbauten ins Gespräch und wollen so neue Gäste locken. Erlaubt ist im modernen Tourismusmarketing, was auffällt.
Das Klein Matterhorn ist kein sonderlich gemütlicher Ort. Der Wind pfeift scharf, und die Temperaturen fallen selbst tagsüber auf bis zu 30 Grad unter Null. Trotzdem fahren jährlich über eine halbe Million Gäste mit der Seilbahn auf den Gipfel – um den Blicks auf die einmalige Bergkulisse, die Hälfte aller alpinen Viertausender inklusive Matterhorn, zu genießen.
Wenn es nach dem Tourismusdirektor des Ortes Zermatt am Ende des Mattertals geht, gehört das Klein Matterhorn bald selbst zu den Viertausendern. Daniel Luggen plant ein tollkühnes Projekt: Eine 117 Meter hohe Pyramide aus Glas und Stahl auf dem 3883 Meter hohen Gipfel. Zwei Aussichtsplattformen in luftiger Höhe, Im Inneren - über Druckausgleichskabinen erreichbar - Restaurants, Kino, Konferenzräume und ein Schwimmbad. In ein paar Monaten will Luggen das Baugesuch für die 30 Millionen Euro teure Touristenattraktion einreichen.
Allianz-Arena in Davos?
Das es solche Pionierprojekte braucht, findet auch Pius App, der in Davos die Schatzalp gekauft hat, ein verschlafenes Skigebiet mit eigenem Jugendstilhotel, das Thomas Mann in seinem Roman "Zauberberg" verewigt hat. Ein neues Wahrzeichen soll die alte Magie beschwören: App plant einen 105 Meter hohen, 100 Millionen Euro teuren Turm mit Ferienwohnungen und Hotel, erdacht von den Stararchitekten Herzog & de Meuron, die bereits die Münchner Allianz-Arena entwarfen. Die Baupläne sind genehmigt, mit Investoren wird verhandelt.
Die dritte Welle der Tourismusattraktionen
"Man hat wieder Mut", sagt Thomas Bieger, Tourismusprofessor an der Universität St. Gallen, der Europa bereits eine dritte Welle der Tourismusentwicklung prophezeit.
Nach Belle Epoque-Grandhotels und den Betonklötzen der sechziger Jahre beginnt nun das Zeitalter der Ikonen: "Die Urlaubsangebote werden immer ähnlicher; um sich abheben zu können, braucht es spektakuläre Wahrzeichen", sagt Bieger. Dubai hat es mit dem Hotelturm Burj al Arab vorgemacht, der zum Wahrzeichen wurde.
Ganz neu ist diese Entwicklung nicht mehr: Seit das schweizerische Vals 1996 seine Felsenthermen architektonisch aufmöbelte, sind dort die Besucherzahlen um 30 Prozent gestiegen.
Der neue Zauberberg: Spa und Wellness
"Es ist ein regelrechter Verdrängungskampf", sagt Hans-Kaspar Schwarzenbach, Tourismusdirektor in Arosa. Um gegen die benachbarten Konkurrenten St. Moritz, Davos, Klosters und Ischgl zu bestehen, hat seine Kommune im vergangenen Jahr den Top-Architekten Mario Botta ein spektakuläres Berg-Spa erbauen lassen. Zurzeit entsteht auf dem Weisshorngipfel auf 2653 Meter Höhe auch noch ein Sechseck aus Metall und Holz, das künftig ein Panoramarestaurant beherbergen soll.
Eher kleine Vorhaben im Vergleich zu dem Projekt, dass nun in der Gemeinde Andermatt am Gotthardmassiv geplant wird. Der ägyptische Geschäftsmann Samih Sawiris will dort über eine Milliarde Dollar investieren, um die strukturschwache Region in ein Ferienparadies zu verwandeln: Luxushotels, Ferienwohnungen und -häuser, ein Wellnesstempel, künstliche Seen und ein Golfplatz. Die Schweizer Regierung ist begeistert. Nicht weniger als 18 Architektenteams arbeiten nun an der baulichen Ausgestaltung. Inzwischen hat Sawiris auch eine Anfrage aus dem bayerischen Sonthofen.
Die „Zukunft des Tourismus" stellt einen gewaltigen Unterschied zum bisherigen Tourismusmarketing dar. Nicht mehr möglichst unauffällig, im geheimen, wird gearbeitet. Selbstbewusstes Auftreten mit spektakulären Projekten ist im harten Konkurrenzkampf um den modernen Urlauber angesagt.